Michael Nungesser for Zitty Berlin

article published 07.10.2010 – german language

Das “Potosí-Prinzip”: Im Bergwerk des Kapitalismus

Der Titel der Ausstellung, „Das Potosí-Prinzip“, lässt rätseln, ihr Untertitel „Wie können wir das Lied des Herrn im fremden Land singen?“ nicht minder. Und was sind Bilder des „Andinen Barock“, die hier gemeinsam mit Arbeiten zeitgenössischer Künstler zu sehen sind? Letztere kommen von bekannten Teilnehmern wie dem deutschen Filmemacher Harun Farocki, dem 90-jährigen argentinischen Maler und Konzeptkünstler León Ferrari und dem spanischen Multimediakünstler Rogelio López Cuenca. Zu sehen sind aber auch Beiträge des chinesischen Culture and Arts Museum of Migrant Workers, des spanischen Diskussionszirkels Plataforma de Reflexión sobre Políticas Culturales und der bolivianischen Forschergruppe The Long Memory of Cocaine.
Die ungewöhnliche Ausstellung, benannt nach der Stadt Potosí im heutigen Bolivien, findet im Rahmen der 200-Jahrfeiern der Unabhängigkeit mehrerer Länder Lateinamerikas statt, zugleich hält sie kritisch Distanz dazu. Nach ihrer Station im Madrider Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía ist sie nun variiert im Haus der Kulturen der Welt zu sehen, dann wandert sie ins Museo Nacional de Etnografía y Folklore nach La Paz. Das kuratorische Experiment entstand als Bilderlabor und Denkwerkstatt der Berliner Künstler Alice Creischer und Andreas Siekmann und des Kulturkritikers Max Jorge Hinderer in enger Zusammenarbeit mit drei Korrespondenten in Amsterdam, London und Moskau. Zwischen Kunst und Wissenschaft angesiedelt, haben beide Gruppen internationale Künstler ausgewählt.

Potosí war im 17. Jahrhundert dank ihrer Silberminen eine der größten und reichsten Städte des spanischen Kolonialimperiums. Mit brutaler Zwangsarbeit wurden dort die modernen Grundlagen für die weltweite Industrialisierung und den Kapitalmarkt geschaffen, begleitet von einer kirchlich-symbolischen Kunstproduktion, die mit gegenreformatorischen Strategien das bestehende System als gottgegebene und leiderfüllte Prüfung für den Gläubigen darstellten. Einen Eindruck davon geben die rund 20 Ölgemälde des so genannten Andinen Barocks, Beispiele barocker Malerei in den Andenregionen, die nun meist erstmals außerhalb ihres Ursprungsortes zu sehen sind.

Nicht alle Ausleihwünsche gingen in Erfüllung, berichten Creischer, Siekmann und Hinderer. Einige Bilder sind deshalb nur als originalgroße Silberstiftreproduktionen zu sehen. Das ist Ausdruck von Ängsten und Zweifeln. Restitutionsansprüche, Rückgabeverweigerung, Neubewertung durch Ausstellen an einem Kunstort und nicht in einem Ethnologischen Museum, Integration in einen kunstkritischen Kontext: All das weckte Misstrauen – und könnte, wie Creischer, Siekmann und Hinderer meinen, auch Stoff für das umstrittene Humboldt-Forum in Berlin liefern.
Konfrontiert wird die historische Malerei mit zeitgenössischen Arbeiten, die  heutige Kunst als „Komplizin einer neuen Form globaler Sklaverei“ bloßstellen sollen. Die Gegenwartskunst bezieht sich auf Brennpunkte neoliberaler Globalisierung wie Dubai, St.Petersburg oder Peking. Statt Titel haben die Werke eine Nummer, ein Begleitheft bietet einen kommentierten Parcours an, der Ort und Inhalte verknüpft. Die Themen der Kapitel lauten beispielsweise: „Es gibt eine Akkumulation, die nur so genannt wird“ oder „Es gibt Menschenrechte, um Recht über Menschen zu haben“. Die Ausstellungsmacher haben sich viel vorgenommen. Ob ihre „dezidiert internationalistische und anti-identitäre Position“, wie sie schreiben, das „Potosí-Prinzip“ der Ausbeutung plausibel machen kann, hängt wohl auch aufs Engste mit der Bereitschaft der Besucher zusammen, in dieses Bergwerk der visuellen Denkarbeit einzusteigen.

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